Taschenpostille

von Bertolt Brecht

Gesang: Nino Sandow
Klavier: Jens-Karsten Stoll

Klabautermänner und achtlos wild, ein Abend zum armen B.B. Ozeanisch still. Vor dem Orkan. Fleisch: aufgerauht. Und doch, und hoffentlich, bescheiden die Oberfläche. Kein unnötiger Aufwand. Wir segeln. Ahoi, ahoi, du, rabiates, fettes Fischgerippe. Es riecht nach Meer. Seeräubereien. Vor dem Mast, verliebt und hinterhältig wir. Lieder und Gedichte aus einem kleinen, 1926 erschienenen Büchlein. Brecht geladen , vor dem Hafen, ein trunkenes Schiff. Hojaho. Und Firmamente weg. Sandow und Stoll vor sehnsüchtigen Postkarten und unglaublichen Sonnenuntergängen. Grüß Gott und weg und Horizonte. Musik spielt an Deck, es wiegt ein Wind um Alabama. Mond. Hängst an der Welt oder in? Historien, Balladen und Landschaften. Fernrohr gezückt, hoch vom Mastkorb, wir schauen weit in die Welt hinein. Und sehen vor Augen: die Welt im Sturm und die Notwendigkeit einer Anteilnahme. Und wir sehen Möwen. Die braten wir bald. Dieses kleine, schmale Büchlein enthält, verdammt nochmal, einige der bedeutendsten und schönsten Verse deutscher Lyrik des 20 Jahrhunderts. Man kann hören auch die unbekannteren Lieder und Gedichte. Und die Lust kann sein, hineinzuschauen in dieses Büchlein. Über Abende hinaus. So laß uns endlich singen, reden, vielleicht tanzen einen Abend lang, der so nicht wieder sein wird. Es kommen andere. Laß uns diese Stunde beieinander liegen, in wilder Bosheit. Stehlen wir uns den Schnaps vom Tisch. Die Zeiten sind nicht freundlich – ja, aber, das wissen wir ja. Kein Grund, sich ihrer mit Reue zu entledigen. Sind wir nun nicht endlich auch das Böse? Gut so.

Die Taschenpostille, ein Buch zur Erbauung, voll Gotteslästerung: Wildheit den Verzweifelten Die Taschenpostille - ein Buch zur Zeit

Kritiken

Corrierre Mercantile / Taschenpostille

Von Rhetorik befreit, bleiben die Kraft und Poesie eines glänzenden Autors übrig – ohne Illusionen von den Menschen, dem Leben, dem Überleben zu zerstören, die Fragen an das Verhalten eines jeden, an die Verantwortung und an die Macht oder Ohnmacht, die hinter den Gesten stecken: ”Verändert die Welt, sie braucht es”.

Daily Hampshire Gazette/Living

As a part of the Massachusetts International Festival of the Arts, two members of the Berliner Ensemble presented ”Pocket Book, or The comeback of the Evil”….. . Nino Sandow and Jens-Karsten Stoll were the two extraordinary performers. . It must be years ago that this house has last seen standing ovations. Sandow is constantly inventing ways to subvert the trained, operatic quality of his full baritone voice. This, after all, is cabaret.Tall and gawky, he can look, by turns, mopey as a mooncalf or sly as a street-smart kid, all in the time it takes you to say ”B.B.” Stoll accompaniments work as dialectic foils to Sandows song texts, wears his hair pulled back in pony tail.

Radio Kultur

Nino Sandow und seine drei Mitstreiter setzten ganz und gar nicht auf die leichte Muse, ihre Taschenpostille ist auf angenehm unprätentiöse Art amüsant und sanft ironisch – ein Vergnügen der höheren Art, ... . Nino Sandwo hat die wunderbaren Brecht-Songs, Balladen, Gedichte, die wüsten Texte des jungen sprachverliebteb, altklugen, ganz schön versauten B:B: auf beinah leerer Bühne konzentriert und ruhig inszeniert. ... Wie gesagt, kein Ereignis zum karnevalistischen Schenkelklopfen, dafür aber kindlich verspielt, klug und sehr pointiert inszeniert, mit Schauspielern die so locker sind, daß sie über die komischen Szenen der anderen kichern können. Ein kleines, feines Vergnügen.

taz

Schade das der letzte ”Abend mit Brecht” so schnell in Vergessenheit geraten ist Noch am alten, längst leer laufenden BE experimentierte vor zwei Jahren Nino Sandow, Hermann Beyer, Thomas Martius und Jens – Karsten Stoll mit Balladen und Songs des pupertierenden Bertolt. Sie zeigten das den Nachgeborenen vom armen B:B: selbst dann etwas erfahren können, wenn er erst einmal vom Sockel heruntergeholt wurde.

Journal Bruxelles

En novembre dernier, un meteore a traverse la scene du Theatre de la Vie : un jeune Allemand metisse, grand de deux metres, au prenom italien et a l’accent berlinois, venu tout droit du Berliner Ensemble ou il triomphe depuis de nombreux mois, a litteralament fait exploser salle. Cette force de la nature empoigne les textes et les melodies pour en extraire la quintessense. Ceux qui croyaient la maniere de chanter Brecht comme definement determinee par les interpretations sublimes de Lotte Lenya, Helene Weigel, etc. ont assiste, subjugues, a quelque chose d’ unique, d’ encore jamais vu. Les melodies, transcendees par un voix Interpretation hors du commun, retrouvent avec Nino Sandow toute leur force sauvage, sans aucun recours spectaculaire.