Winterreise II. - 24 Coverversion

”.. Tränen, meine Tränen, und seid ihr gar so lau, daß ihr erstarrt zu Eise, wie kühler Morgentau? Und dringt doch aus der Quelle der Brust so glühend heiß, als wolltet ihr zerschmelzen des ganzen Winters Eis!”

Worte Wilhelm Müller
Musik Franz Schubert
Baumgart Gitarre / Sandow Gesang /Stoll Piano /Taube Schlagzeug

Dieser Zyklus von 24 Liedern ist einzig in Musik und Text, Stringenz, Kühnheit und Reduktion, Sehnsucht und Klarheit: Vor über 100 Jahren Punk und Pop und zu Volkslied. Schubert und Müller, das rasendste Gestirn im deutschsprachigen Liedraum: vieldeutig aber nicht schwammig, verzweifelt aber kraftvoll, bitter ohne Selbstmitleid, trotzig aber nicht vereist, leidend und doch Katharsis.

Notwendig: hörbar machen das Eis. Denn: ”das bricht in Schollen”. Und den Fluß darunter. Abschneiden das Leiden. Also: fette Beute. Schubert und Müller. 24 Lieder. Auf zum Tanz in den Hallen. Die Frage nach der Einrichtung der Welt, das , Sich nicht einrichten wollen’ in der Welt, ist der glühende Motor der Lieder, der soziale Sprengsatz: ”Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten; es schlafen die Menschen in ihren Betten, träumen sich manches..”.

Vier Wanderer. Auf dem Flusse, Musik: Schubert. Zwischen den Ufern: die Lyrik Müllers. Entstanden sind Lieder, die das Material poröser, verletzlich und durchsichtiger machen, härter zum Hörer gehen. Nicht experimentell für das ,Aha’, sondern kulinarisch wild. Eine Tanzmusik. Auch im Sommer zu spielen. Eigenwillig neue, alte Lieder. Und endlich: Schubert für eine junge Generation, jung am Herzen und wach am Verstand.

Kritiken

WAZ

Diese "Winterreise" ist wie eine Abfahrt auf einer wilden Piste: rau, schön, gefährlich, anstrengend. Kann man nach der "Winterreise", wie sie die Berliner Band "Danilloff" am Freitag im Depot aufführte, jemals wieder in die ruhigen Gefilde des Kunstlieds zurückkehren?
Sandow sitzt auf einem Barhocker. Er spricht und flüstert, er zischt und schreit, und wenn er singt, dann ist das manchmal sehr schön und manchmal so trotzig, dass es gar nicht schön ist. Aus den 24 Liedern werden Chansons, in 24 traurigen und närrischen Stationen einer Wanderschaft geht sie zu den Lebenspolen Liebe und Tod. Lachend führt sie zum Träumer, der Blumen im Winter sah, verführerisch leuchtet das Irrlicht, eisig rollen die Tränen, trunken wird der Weg zur Bahre erkundet. Unnachahmlich und unerhört verbinden diese Musiker Latin-Rhythmen und Jahrmarktklänge, süßen Volksliedton und hammerharten Düsterrock. Schuberts Noten grüßen aus dem Hintergrund. Aber den Geist der Romantik, ihre Verzweiflung, ihren Protest, ihre Zerrissenheit, ihre Lebenslust und Todesnähe, die hätten sie gefunden. "Verdammt noch mal, das ist ein wilder, sich ins Leben zwingender Zyklus", sagen die Musiker. Ja genau, wenn er denn so daher kommt.
Es war nicht der Abend, sich gemütlich zurückzulehnen. So zart und wild, so sanft, fordernd kann sonst nur die Liebe sein.

WAN

Im ersten Lied hört man Text, der kaum von Wilhelm Müller ist. Von Wurzelleib und Tiergesicht hört man - François Villon, Großes Testament. Späteres Lied. Eine Melodie hört man, die kaum von Franz Schubert ist; das Zither-Motiv aus dem "Dritten Mann". Gitarrist Marcus Baumgart, Sänger Nino Sandow, Pianist Jens Karten Stoll, Drummer Olaf Taube, gemeinsam "Danilloff" - vier Musiker, die Müller und Schubert und die Müller-Schubertsche "Winterreise" ganz ernst nicht nehmen? Eben nicht. Die vier arbeiten seit Jahren an diesem "Projekt Winterreise", ergründen den Lebensernst und die Todesbereitschaft, die Schneekälte und Eisesschärfe dieses Liederwerks, übertragen die sprachlichen Bilder und die musikalischen Gesten ins Heutige, aus dem Romantischen ins Existentielle. Die Gefühle bleiben. Eine stilistische Festlegung erfolgt nicht; mal hageln Punk-Gewitter, mal kehrt der vermeintliche Urton zurück - wie ferne Erinnerung.
Kraft bestimmt den Reiseweg, Sterben ist nicht mehr als Teil des Lebens, ist Überleben. Schubert hätte seine Freude gehabt.

Ruhr Nachrichten

Schauspieler und Sänger Nino Sandow hat die 24 Lieder zusammen mit der Band Danilloff chart-tauglich gemacht, sie - wie es einst Emerson Lake und Palmer mit Mussorgskis ”Bildern einer Ausstellung” getan haben - in Rock-Songs übersetzt.

Nachdem der Berliner schon beim letzten Festival ”LesArt” mit seinem Brecht-Majakowski-Albers-Abend zum Star des Festivals wurde, sorgte er auch am Freitag im Theater im Depot mit der Adaption der ”Winterreise”, barfüßig auf einem Hocker sitzend, für einen umjubelten Höhepunkt von ”LesArt”. Nino Sandow nimmt den Liedern viel von ihrer Traurigkeit, macht die Wanderung in den Tod zu einem wilden Ritt durch die Gefühle. Unerschrocken wandert Sandows Geselle am eisigen Bach entlang, vermittelt weniger Todessehnsucht als die Schubertsche Figur, stattdessen pralle Lebenslust. Und manchmal scheint es, als würden den Müllerbursche Todessymbole wie die Krähe auf seiner Reise gar nicht beeindrucken.

Und immer wieder schimmerte auch in Nino Sandows Bariton verführerisch der Latin durch. Diese ”Winterreise” lebte von Kontrasten - vom wilden Rock im ”Rückblick” bis zum zarten Walzer, der sich im ”Greisen Kopf” eingeschlichen hat.

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Danilloff: Alzheimer Chaussee Preis:15 €
Danilloff: Winterreise 15 €
Brecht Majakowski Hans: Albers €